Ein Puzzle perfekter emotionaler Dissonanz

Veröffentlicht: 29. September 2010 von angekreuzt in Allgemein, kreuz&quer

D

iejenigen, die nach London gefahren sind, nennen die multikulturelle Atmosphäre der Stadt faszinierend, diejenigen, die nach Venedig gefahren sind, preisen die Sommersonne und die Pool-Partys dort, Genf war natürlich höchst wissenschaftlich…
Ich aber könnte nicht eine Sache über unsere Studienfahrt nach Krakau nennen, ohne viele andere erwähnen zu müssen. Weil alles, was wir erlebten, so unterschiedlich war und doch so unglaublich gut zusammenpasste:
Das Gemeinschaftsgefühl bei der Rafting Tour, die Abende an der Weichsel, die wunderschöne Altstadt Krakaus, sogar die Rückreise – alles zusammen bildet ein großes, buntes Puzzle, welches sicher jeder einzelne von uns gerne aus seinen Erinnerungen fischen auf seine Art und immer wieder neu zusammensetzen wird.

von Anna Maria Mechtcherine

Tag 1: Montag,
07.06.2010, 06:30 Uhr
Haupteingang Ev. Kreuzgymnasium Dresden

Wie das schönste Weihnachtslametta strahlt uns der Bus majestätisch entgegen und Heidi neben ihm grinst fröhlich, während wir noch im Halbschlaf ihre raffinierte Einparkkunst belächeln. Nachdem sie schließlich selbst festgestellt hat, dass sie den Bus mitten auf der Straße und im morgendlichen Berufsverkehr geparkt hat, werden wir –unbeachtet unserer begrenzten Möglichkeiten zu dieser frühen Stunde– von ihr aufgefordert, schnellstmöglich den Wagen zu beladen.
Die Hupkantate um uns herum nimmt endlich ein Ende und die Reise beginnt.
Die Fahrt ist größtenteils eine Ode an jugendliche Leidenschaften, ein Fest des Essens und Schlafens, hin und wieder unterbrochen von Frau Hellers und Herrn Körners Überlebenstipps und Heidis, in warmherzigem brandenburgischen Dialekt gegebenen Informationen über Wetter, Bier und Verkehrsregelungen.

Polnische Lebensweisheit: Zebrastreifen sind gefährlich.

Tag 2: Dienstag,
08.06.2010, 13:34 Uhr
Land: Polen, Stadt: Krakau, Fluss: Weichsel

Die Marienkirche am Krakauer Marktplatz

Nach der Ankunft in Krakau am vorhergehenden Tag und einem verzweifelten Blick in das kleine Bad unserer Unterkunft mit zwei Duschen für 18 Frauen, ist es nun an der Zeit, die Umgebung zu erkunden, das Land, welches die meisten von uns bevorzugt mit vorteilhaften Einkaufsmöglichkeiten in Verbindung bringen. Die Lage ist „günstig“, der Supermarkt um die Ecke.
Schritt für Schritt geht es durch eine Stadt, voll mit historischen Schätzen und legendären Menschen, die hier waren, um das zu werden, was sie sind und die Stadt zum „Polnischen Jerusalem“, „Florenz des Nordens“ oder der „heimlichen Hauptstadt Polens“ zu gestalten. Seit undenklichen Zeiten haben Menschen hier ihre Spuren hinterlassen und auch, wenn man sie nicht sehen kann, tragen sie trotzdem zu dem Gefühl bei, Schritt für Schritt durch die Zeit zu wandern.
Nach vier Stunden Stadtführung, inklusive Besuch der Wawelburg und ihrer Kathedrale, dem Marktplatz und der St. Marienbasilika, teilen wir uns dem Vorurteil zuliebe beim Mittagessen in drei Gruppen: Die Lehrer im traditionellen polnischen Restaurant, die Jungen im Burgerhouse und die Mädchen in der Salatbar.

Die Wawelburg in Krakau

Die Wawelburg in Krakau

Ich muss allerdings zugeben, dass wir schon bald den Plan verwarfen, von ein bisschen Gemüse satt zu werden und unseren anschließenden Besuch im Eiscafé schließlich mit den drei uns noch bevorstehenden Stunden Stadtführung durch das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz rechtfertigen.
Unsere Glückshormone feiern und wir sind bereit für die Besichtigung eines jüdischen Friedhofs, einer Synagoge …und einer Einkaufshalle. „Seine Pflicht erkennen und tun, das ist die Hauptsache.“ (Friedrich II., der Große)

Heiter und gelassen klingt der Abend am Ufer der Weichsel aus – mit Liedern, Kinderspielen und einer nicht insignifikanten Anzahl an Mückenstichen.

UWAGA¹ An dieser Stelle sei vorsichtig auf den gemeinschaftlichen Beschluss von 34 Schülern, zwei Lehrern und einer Busfahrerin verwiesen, Erinnerungen an nächtliche Geschehnisse, sofern noch vorhanden, möglichst sorgfältig und unzugänglich aufzubewahren.

Nachtruhe war „gegen zehn“.

¹Uwaga (poln., f) – Achtung

Tag 3: Mittwoch,
09.06.2010, für immer
Konzentrationslager Auschwitz I/ Auschwitz II-Birkenau

Der neunte Juni sollte der härteste Tag werden und er erfüllte definitiv alle Erwartungen. Der Besuch des Konzentrationslagers war physisch und psychisch ein Schlag ins Gesicht.

auf dem Weg zum größten jemals gebauten KZ: Auschwitz-Birkenau

Wie kann man sich auf so etwas vorbereiten? Darauf, gleich mit dem grausamsten Ereignis deutscher Geschichte konfrontiert zu werden, einem Verbrechen, dessen wir Deutschen uns auf alle Fälle bewusst sind. Wir lernen es zu Hause von unseren Eltern, in der Schule, es gibt Gedenktage und zahlreiche Dokumentationsfilme, aber jetzt, wenn ich gebeten werde, trotz 35 Grad Celsius eine lange Hose zu tragen und ich mich mental darauf einstelle, gleich nach Auschwitz-Birkenau zu fahren – einem Ort, dessen Name um die Welt gegangen ist und den Deutschen zum Nazi-Nachfahren gemacht hat – erst jetzt begreife ich wirklich, dass so eine Tat ebenso unverständlich wie nicht rechtfertigbar ist, dass Augen sich mit Tränen füllen werden, Münder offen stehen bleiben, weil niemand etwas zu sagen hat, weil es nur eine Frage und darauf keine Antwort gibt: Warum?

Ewig kommt uns vor, als wir durch einstige Straßen des sicheren Todes laufen, zwischen alten Baracken, mit langen Hosen und bedeckten Schultern und unser Guide uns erzählt, was wir schon oft erzählt bekommen haben,nun in einer Situation, die eine neue, grausamere Perspektive bietet. Die wenigsten von uns bleiben bis zum Ende dabei und besichtigen noch die Ruine des Krematoriums II. Hätte sich jemand übergeben, hätte er unser aller Gedanken ausgesprochen.

Die Ankunft am Hostel ist befreiend, aber die neuen Erfahrungen beiseite zu legen, ist schwer.

Tag 4: Donnerstag,
10.06.2010, 13:20 Uhr
Polnisch-Slowakische Grenze

Wieder verlassen wir Krakau – diesen Morgen gen Tatra-Gebirge an der Polnisch-Slowakischen Grenze.

Das Ziel: die Dunajec
Der Plan: eine Rafting Tour
Das Fazit: Veni, Vidi, Vici

Nach einer kurzen Einweisung und Trockenübungen beginnt das Abenteuer. Wir genießen die Abwechslung zum vorigen Tag bei Wasserschlachten mit feindlichen Booten, Paddeln auf Kommando, Betrachten der wunderschönen Landschaft und nasser Abkühlung an diesem sonnigen Tag. Eine Stunde später erreicht unser Mädchenboot schließlich als erstes das Ziel. Müde, aber glücklich, erfreuen wir uns an unserem Preis: Die herrlich bösen Blicke der Zweitplatzierten. Wir ziehen uns um (in nicht ganz windtrotzenden Zelten), bekommen unser Hot Dog eine Stunde nach Aufgeben der Bestellung (natürlich hatte sie vergessen, dass ich es OHNE Senf wollte) und machen uns auf Weg zurück nach Krakau.

Der letzte Abend rundet die Reise wundervoll ab. Begleitet von traditionellem Klezmer, lassen wir uns das Essen im jüdischen Restaurant (ein ganz koscheres Drei-Gänge-Menü) schmecken.

Die Tuchhallen (poln. Sukiennice) im nächtlichen Krakau

Während die zwei Streicher und ein Akkordeon melancholische Musik zaubern, sehe ich um mich herum nachdenkliche Gesichter meiner Schulkameraden, die meisten von ihnen beim Versuch, immer noch die Erfahrung „Auschwitz“ zu verarbeiten.

Tag 5: Freitag,
11.06.2010, viel zu lange
Irgendwo zwischen Krakau und Dresden

Atmung ist ein biologischer Prozess, bei dem molekularer Sauerstoff aufgenommen, in die Zellen transportiert und dort in der Atmungskette zu Wasser reduziert wird. Im Gegenzug wird Kohlendioxid produziert und abgegeben.

(Quelle: http://flexikon.doccheck.com/Atmung)

Atmen ist lebensnotwendig.

Sein Stolz schmilzt in der polnischen Sonne, die Hitze hat selbst ihn träge gemacht. Langsam fährt unser goldenes Prachtkerlchen auf die Autobahnraststätte ein. Auf Knopfdruck (von Heidi) öffnen sich deine Türen wie die Pforten der Erlösung und 34 Schüler, zwei Lehrer und eine Busfahrerin stolpern aus der Höhle des Ra, des Busses, dessen Klimaanlage am Morgen ausgefallen war. Das heißt: Acht Stunden Tortur bei gefühlten 99,9 % Luftfeuchtigkeit und 50 Grad Celsius. Die Sitzplätze über dem Motor hatten den Luxus einer Fußbodenheizung inklusive. Saunabesessene mögen das vielleicht Schwitzkur nennen, die meisten von uns bezeichnen es als die Hölle auf Erden…und ich? Ich habe mein Asthmaspray vergessen und konzentriere mich auf den lebenserhaltenden biologischen Prozess der Inhalation und Exhalation.

Mit Mückenstichen und auch ein paar schöneren Souvenirs, komme ich schließlich zu Hause an, mit schönen Erinnerungen aus einer schönen Stadt mit wundervollen Menschen, mit welchen ich fünf Tage in einer emotionalen Achterbahn saß, von schrecklich traurigen Momenten in Auschwitz bis zu einer wahnsinnig lustigen Rafting Tour auf der Dunajec.
Jedes Erlebnis war es wert, teil einer so heterogenen Reise zu sein, jede Erfahrung macht dieses Puzzle perfekter emotionaler Dissonanz erst vollständig.

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