Das Lied vom Kind das der Mutter sein letztes Brot geschenkt hat

Veröffentlicht: 27. Januar 2011 von angekreuzt in Allgemein

Aus gegebenem Anlass des heutigen Internationalen Holocaust-Gedenktages möchten wir kurz innehalten und einen Blick in die Vergangenheit werfen, die uns auch heute gut 60 Jahre nach dem Holocaust noch in tiefgehender Art und Weise beschäftigt. Die folgende Ballade eines unbekannten Autors hilft vielleicht, das Geschehene zu reflektieren.

Das Lied vom Kind das der Mutter sein letztes Brot geschenkt hat

Ich singe ein zweckloses Lied
Wenn ihr mich fragt warum
Sage ich  ich weiß nicht
Vielleicht blieb ich besser stumm

Mein Lied ist für ein Kind
Das zehn und tausend Jahr
Alt und in Auschwitz
Noch am Leben war

Wie es hieß  wo’s herkam
Ich weiß es nicht
Weiß nicht wie es aussah
Es hat kein Gesicht

Ich weiß seine Mutter
War hinter einem Zaun
An der Lagerstraße
Im Lager der Fraun

Und an manchen Tagen
Ist es geschehn
Daß das Kind geglaubt hat
Die Mutter zu sehn

Die der Tod zeichnet
Sehn alle gleich aus
Doch das Kind fand die
Mutter heraus

An einem Morgen
War Selektion
Das Kind mußte sterben
Und wußte es schon

Rechts links rechts links
Zeigte die Hand
Zum Tod im Handschuh
Zeigte und verschwand

Da blieben dem Kind noch
Ein paar Stunden Leben
Bis Platz war im Ofen
Und in den Gräben

Die letzten Stunden
Hat es still verbracht
Dagehockt und an die
Mutter gedacht

Es wollte ihr schreiben
Hatte kein Papier
Keine Tinte und Feder
Da schrieb es ihr

Auf einem Stück von
Einem Sack Zement
Das hat es getragen
Als Unterhemd

Statt Tinte nahm es
Sein Blut und statt
einer Schreibfeder
Stacheldraht

Es schrieb  liebe Mutter
Ich schicke dir was
Ich nicht mehr brauche
Ich muß ins Gas

Mutter ich geb dir
Jetzt meine Hand
Zum Abschied abends
Bin ich verbrannt

Feuer mein Totenhemd
Rauch mein Grab
Ich muß sterben eh
Ich gelebt hab

Du gabst mir Leben
Sie geben mir den Tod
Ich geb dir was ich hab
Ein Stück Brot

Mutter solang du
Am Leben bist
Sollst du an mich denken
Wenn du Brot ißt

Also nimm an und iß
Meine Brotration
Ich umarm und küsse dich
Dein treuer Sohn

So hat es geschrieben
Und über den Zaun
Brot und Brief geworfen
Ins Lager der Fraun

Dann sind sie mit großen
Lastern gekommen
Und haben eine Zukunft
Kinder mitgenommen

Die Kinder waren alle
In ihrer Not
So still so leise
Als wärn sie schon tot

Das Kind wurde eilig
Mit der stillen Fracht
Ins Krematorium zum
Vergasen gebracht

Es mußte nackt in
Die Gaskammer gehen
Die Tür wurde zugemacht
Es hat noch gesehn

Wie auf alle Regen
Von blauen Kristalln
Aus einem Loch in
Der Decke falln

Als der Tag zu Ende
Ging im Abendrot
Da war das Kind schon
Vergast und tot

Als die Sonne
Tief am Himmel stand
Da war das Kind schon
Zu Asche verbrannt

Als die Nacht kam
Mit kühlem Hauch
War das Kind schon
Im Himmel Rauch

Die Mutter hat am Boden
Gesessen und gekaut
Sie hat das Brot gegessen
Und dabei hochgeschaut

Zum Himmel wo schwarze
Rauchwolken gehen
Sie hat ihr Kind gesucht
Hat es nicht gesehn

Jetzt ist das Brot gegessen
Die Öfen sind kalt
Das Kind das zehn Jahr war
Ist tausend Jahr alt

Nichts ist geblieben
Von ihm bloß im Wind
Fliegt vielleicht ein Staubkorn
Vom guten Kind

Mutter und Mörder
Sind lange tot
Bleib du noch eine Zeit Lied
Vom Kind und seinem Brot

Bleib du
Bleib wenigstens du noch
Bleib du und laß das tote Kind
Noch leben eine kleine Zeit
Vor der leeren Ewigkeit
Des Tods und der Vergessenheit

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Kommentare
  1. Charlotti sagt:

    (da fehlen mir die Worte, danke für das Gedicht)

  2. blubb sagt:

    krass. das tut weh. und zwar mittendrin.

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