Willkommen im schönen Dresden!

Veröffentlicht: 15. März 2011 von angekreuzt in Allgemein, Offizielles

Makarim kann sich kaum halten vor Freude,  als sie in die zwei dunkelbraunen, scheinbar  permanent lachenden  Augen  inmitten eines ihr gut bekannten Gesichtes mit dunklem Teint schaut.  Endlich, nach all den Jahren, hat ihr Lieblingscousin Khalil sein Versprechen erfüllt, sie mal im fernen Deutschland besuchen zu kommen, obwohl sie schon seit ihrer Geburt hier lebt.

Springerstiefel - Symbol u.a. des Rechtsextremismus (© by remions @ flickr)

„Bist du sehr müde von der langen Fahrt, willst du erst mal nach Hause oder kann ich dir noch ein bisschen vom Zentrum  zeigen, wo wir gerade hier sind?“, fragt sie auf arabisch und bemüht sich, gleichgültig zu klingen, obwohl Khalil weiß, wie ungeduldig sie darauf wartet, ihm stolz ihre Heimat vorzustellen, von der sie ihm so oft vorgeschwärmt hat. „Och, eigentlich fühl ich mich gerade recht wach, einen kleinen Rundgang schaff ich schon noch“, entgegnet er, obwohl sein Kopf schmerzt vom unbequemen Zugsitz und er sich nach einer heißen Dusche sehnt. „Schön“, sagt  Makarim strahlend,  hat schon seinen Rollkoffer an sich genommen und zieht Khalil mit ihrer freien Hand hinter sich her. „Von  hier aus ist es nämlich nicht weit zur Frauenkirche, du siehst den Altmarkt und wir kommen an der neuen Einkaufspassage vorbei – oh, ich muss dir unbedingt diesen einen Schuhladen zeigen, du wirst ihn lieben! Ich muss so oft an dich denken, wenn ich da bin.“ Und schon befindet sich Khalil mitten im Sightseeing.  Zugegeben, es gibt auch einiges zu sehen, was er aus seiner Heimatstadt Damaskus nicht gewöhnt ist, obwohl die im Moment entschieden besseres Wetter zu bieten hätte.  Dunkle, schwere Wolken über der Stadt nehmen ihr den Glanz und lassen sie hässlich und grau  erscheinen.

Gerade ist  Makarim fasziniert vor einem Schaufenster mit allen möglichen Taschen stehen geblieben, die nach der neuen amerikanischen Mode designt sind. Khalil steht in ihrer Nähe und beobachtet neugierig die Menschen, die von einem Laden zum nächsten pilgern. Auf einmal bemerkt er eine Gruppe Männer in aufgeplusterten, dunklen Jacken und mit dicken schwarzen Stiefeln, die ihn zu mustern scheinen. Offenbar pflegt die männliche deutsche Bevölkerung eine nicht allzu ausgeprägte Haarkultur; kaum einer von ihnen hat überhaupt mehr als ein paar kurzgeschorene Stummel auf dem Kopf. Als er sie betrachtet, heben ein paar von ihnen ihre Bierflaschen auf und kommen mit selbstgefälliger Miene näher.

Der,  der als erster auf ihn zukommt, ein mittelgroßer Typ um die 25, unter dessen grauer Flauschjacke sich viele Muskeln vermuten lassen, sagt etwas auf Deutsch zu Khalil.  Als dieser nichts erwidert, dreht der Mann sich um und schaut seine Begleiter triumphierend an, ein paar von ihnen lachen zynisch auf. Der Nächste von ihnen ruft etwas und deutet dabei mit einem Kopfnicken auf Khalil, das Gesicht verzogen, als hätte er gerade etwas Widerliches essen müssen. Ein anderer sagt daraufhin scheinbar zustimmend etwas und bewegt sich mit hasserfülltem Blick auf Khalil zu.
In diesem Moment hat Makarim die unerwünschte Gesellschaft bemerkt und kommt sofort zu ihnen. „Sei ganz ruhig,“, redet sie in seiner  Muttersprache beschwichtigend auf ihn ein, „die könn

en uns nichts tun.“. „Was wollen die von mir?“, fragt Khalil verwirrt. Mittlerweile haben ihre Beobachter sich weiter Kommentare zugerufen, den Blick jetzt auf Makarim gerichtet. Ihr Ton wird immer aggressiver, soweit Khalil das deuten kann; die ungewohnte Sprache klingt für ihn generell abgehackt und unmelodisch. Seinen Kurs ändernd, kommt der Graujackige jetzt auf Makarim zu, ein provozierendes Glitzern in den Augen, und ballt die Faust. Khalil will sich schützend vor seine Cousine stellen, doch sie hält ihn zurück und schiebt ihn mit dem Arm hinter sich: „Jetzt lass sie doch einmal was lernen. “ Ein Weiterer von ihnen kommt heran, inzwischen ist die ganze Gruppe um sie versammelt. Er lacht bösartig und tritt Makarim mit einer kurzen Bewegung ins Schienbein, woraufhin einige klatschen und johlen. Als sie keine Miene verzieht und ihn nur unverwandt mit festem Blick ansieht,  schreit er ihr etwas ins Gesicht und schaut sich dann eifrig um, trifft aber auf eher verwirrte Gesichtsausdrücke.

Ruhig macht Makarim nun einen Schritt auf den Sprecher  zu.  Obwohl er fast zwei Köpfe größer ist, weicht er vor ihrem stolzen, entschiedenen Blick zurück. „Weißt du“ , spricht sie direkt ihn an,  während alle verblüfft zusehen, als würde das perfekte Deutsch aus ihrem Mund sie alle auf einmal sprachlos machen, „in genau diesem Moment schäme ich mich so sehr dafür, Deutsche zu sein, und würde um nichts in der Welt freiwillig mein Vaterland mit dir teilen.“ Als hätte jemand den Stöpsel aus seiner Luftkissenjacke gezogen, wirkt ihr Gegenüber plötzlich in sich zusammengesackt und plump. Fassungslos starrt er Makarim an. „In diesem Moment hätte ich lieber gar keine Nationalität als die gleiche wie du“, fährt sie unbeirrt fort.

„Ich studiere  seit einigen Jahren Medizin und habe im Ausland  Erkenntnisse gehabt, auf die ich hier vielleicht nie gekommen wäre, in Sprachen, von denen du wahrscheinlich nur träumen kannst.“ Obwohl sie die Stimmen um sich herum bemerkt, schaut sie ohne mit der Wimper zu zucken nur ihn an und kommt noch einen Schritt näher. In ihren schönen braunen Augen lodert ein dunkles Feuer. „Wenn ich erstmal Ärztin bin an einem  guten, deutschen Krankenhaus“, sie spuckte die letzten Worte förmlich mit einer verächtlichen Ironie, „und du irgendwann eingeliefert wirst mit Verletzungen aus einer völlig unnötigen Schlägerei, dann werde ich dich nach all meinen  Möglichkeiten heilen, obwohl kein Stückchen deiner Haut, auf die du dir so viel einbildest, es verdient hat. Wäre ich aber ein patentierter Psychologe und jemand schickte dich zu mir….“  Ihr Gesicht nimmt auf einmal einen traurigen, fast bedauernden Ausdruck an. Sorgenfalten legen sich auf ihre Stirn, ihre Stimme wird leise: „… ich müsste dich als hoffnungslosen Fall aufgeben. Und ich gebe sonst nie auf.“

Von der Gruppe hat immer noch niemand die Sprache wiedergefunden, ratlos schauen sie von einem zum nächsten, während der Graujackige wie versteinert weiter Makarim anschaut, obwohl sich diese zum Gehen wendet. Sie greift nach Khalils Hand, hält inne und lässt sie nach einem kurzen Zögern wieder los, um sich an ihre Stiefel zu greifen. Sie streift sie kurzerhand ab, einen nach dem anderen. Unterhalb ihres Rocksaumes wird ein dunkler Abdruck auf ihrem Schienbein sichtbar, über den sie sich vorsichtig mit dem Zeigefinger streicht. In Khalils Kopf werden die Gedanken wieder klarer, er beginnt zu ahnen, was sich gerade abgespielt hat. Er hebt seinen Rucksack auf und schnappt den Koffer, bevor Makarim ihn nehmen kann. Sie nimmt stattdessen die Stiefel in die Hand, läuft barfuß zwischen den reglosen Männern durch zu ihrem Cousin und sieht ihn warm an. Khalil legt den Arm um ihre Schultern, sie drehen den anderen den Rücken zu und laufen weiter die Straße runter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Louise Zahnert

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Kommentare
  1. Reiselustig sagt:

    Ich hoffe das viele diesen Blog lesen und sich einmal Gedanken darüber machen, wie eng wir manchmal denken. Sehr schöner Artikel

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