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Veröffentlicht: 19. Mai 2011 von angekreuzt in Allgemein

Clara Diercks / pixelio.de


Als ich etwa 11 oder 12 Jahre alt war, fing ich an, mein Leben und mich insbesondere für wichtig zu halten. Meine Gegenwart, die Veränderungen um mich herum und in mir schienen mir eminent erinnerungswürdig und wert, der Nachwelt zu überliefert zu werden.  – So begann ich Tagebuch zu schreiben.

Es war allerdings – wie sich nach kurzer Zeit herausstellte – eine recht ermüdende Tätigkeit, da sich die Ereignisse vieler Tage ständig wiederholten. Ein kleiner Auszug gefällig? „Früh musste ich mich beeilen, weil wir ESP [na, was ist das?] hatten. Dann gingen wir zum Bäcker. Später fuhren wir nach S. und hatten Geschichte. Nach der Schule las ich und machte Schularbeiten. Dann lernte ich für nachher. Nach dem Vorkonfirmandenunterricht sangen wir und ich ging in die Bibliothek…“ Mit zunehmender Textlänge gingen mir die zeitanzeigenden Begriffe aus…  So richtig begriff ich damals nicht, was an diesem Stil nicht stimmte, warum es so wenig Spaß machte, Tagebuch zu schreiben. Aber getrieben von einem starken Pflichtbewusstsein führte ich das Unternehmen fort (die Menge der geschriebenen Zeilen und Tage war mir Beweis dafür, dass ich die Sache im Griff hatte), bis ich dann, sozusagen nebenbei und unauffällig, aufgab.

Die nächste Erfahrung mit Tagebüchern verlief ähnlich: Meine Oma schenkte mir zu meinem 12. Geburtstag ein Buch: Das „Schiffstagebuch“ von Christoph Kolumbus. Sie wusste, dass ich viel und gern las und vielleicht hatten ihr auch meine Eltern diesen Tipp gegeben. So lag es also vor mir – und ich muss sagen: Ich habe voll guten Willens wirklich, wirklich versucht, dieses Tagebuch zu lesen. Schon, um meiner Oma eine Freude zu machen. Angefangen, weggelegt. Neu angefangen, wieder weggelegt. Mal bin ich zwanzig, mal vierzig Seiten weit gekommen. Die in den jeweiligen Kolumbus’schen Notizen beschriebenen Flauten, in denen die drei Schiffe sich über eine glatte Meeresoberfläche quälten, infizierten immer wieder meine Leselust. Alle Versuche nützten nichts – durchgelesen habe ich es nie, und diese Reiseerfahrungen in Tagebuchform sind mir als langweiligstes Buch meines Bücherregals in Erinnerung und wurden ganz hinten einsortiert. (Nebenbei: Amazon-Verkaufsrang ist momentan 577.588; die vier Sterne der Rezension bewerte ich als bewusste Irreführung!)

BirgitH / pixelio.de

Zusammengenommen also ein schlechter Start für meine Beziehung zu Tagebüchern – aber zum Glück nicht aussichtslos. Die Wende – es ist natürlich klar, dass es eine Wende gegeben haben muss, sonst gäbe es diesen Artikel nicht – kam schleichend, nicht auf einen Schlag. Während meiner Abiturzeit kam ich mit neuen, realen Menschen in Berührung, aber vor allem auch mit vielen Autoren. Meine Welt war eine Mischung aus Realität und Literatur – und beides wollte ich verstehen.

Zwei Autoren davon sind mir in besonderer Erinnerung geblieben: Der eine ist Ernst Jünger, ein deutscher Autor, Soldat im Ersten und Zweiten Weltkrieg, der als deutscher Besatzer nach Paris kommt und dort mit einer Gruppe aristokratisch Gleichgesinnter Champagner in der vom Krieg gezeichneten Stadt trinkt. Der später, in einer Kleinstadt im Schwäbischen sich in Insektenstudien vergräbt, immer wieder Bücher veröffentlicht und seine Bildung nutzt, um sich von dem ihm umgebenden Vorgängen zu distanzieren und dies in seinen Tagebüchern (erschienen unter dem Titel „Strahlungen“) festzuhalten. Der es schafft, 102 Jahre alt zu werden und den Halleyschen Kometen in seinem Leben zweimal zu sehen. Jünger ist auch heute noch sehr umstritten – doch in dieser Zwiespältigkeit seiner Persönlichkeit, welche zwischen ästhetisch motivierter Ablehnung des Nationalsozialismus und Faszination vom Militärischen, Aristokratischen schwankt, mir als sehr eindrücklich in Erinnerung. Durfte man denn so handeln wie er? So denken? Er forderte geradezu heraus, sich eine eigene Meinung zu seiner Person und zu den Ereignissen der damaligen Zeit zu bilden.

Der zweite ist ein englischer Autor, dessen Name wenig bekannt sein dürfte: Gerald Manley Hopkins. Empfohlen wurde er mir von meiner damaligen Deutschlehrerin, und was seine Tagebücher so faszinierend macht ist, dass er – unter anderem – an fast jedem Tag seines Lebens die Wolkenformationen beschreibt, die er beobachtete. Wie banal, möchte man sagen, wie alltäglich! Und doch gelingt es ihm, diese Beobachtungen in immer wieder neue Worte, neue Bilder zu fassen, so dass ich nach der Lektüre den Eindruck hatte, dass Wolken etwas Lebendiges seien. Und ich ertappte mich dabei, den Blick immer wieder Richtung Himmel zu richten. Ließ sich dieses Einzigartige und Besondere im Alltag nicht vielleicht sogar selbst entdecken? Oder selbst in vergleichbarer Weise beschreiben?

Inzwischen ist einige Zeit vergangen und ich habe viele andere Tagebücher gern und mit Gewinn gelesen; hin und wieder notiere ich mir auch Geschehnisse und Besonderheiten aus meinem Alltag. Gibt es eine Erklärung für diesen Umschwung, diese 180°-Wendung? Der Wunsch zu verstehen – mich selbst und andere – ist wohl der Hauptgrund dafür: Man nähert sich in den Tagebuchkommentaren Personen, die sich die Mühe machen, jeden Tag ihres Lebens, ihre Eindrücke, ihre Gedanken festzuhalten. Ich kann also eintauchen in Perspektiven, die mir fremd, aber nicht zu weit entfernt sind und die mich dazu bringen, meine eigene Meinung zum politischen Tagesgeschehen oder zum Verhalten meiner Mitmenschen noch einmal zu überdenken. Ich kann mich aber auch in eine neue Sprache vertiefen, die mir zeigt, wie viel Besonderes im Alltag ich oft übersehe.

Laut Wikipedia-Definition ist ein Blog „ein auf einer Website geführtes und damit – meist öffentlich – einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Web-Logger, kurz Blogger, Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert oder Gedanken niederschreibt.“ Seit November letzten Jahres existiert „angekreuzt“, der Blog der Kreuzschule. Wenn also ein Blog eine Art Tagebuch ist, dann ist „angekreuzt“ ein Tagebuch, das unsere Schule führt – oder? O.k, dieser Vergleich funktioniert natürlich nicht – geführt wird das Tagebuch von den wirklichen Menschen, die an der Kreuzschule einiges an Lebenszeit verbringen – und davon gibt es viele, sehr viele.

Und das macht die Sache so reizvoll: Wer sagt denn, dass ein Schüler aus der siebenten Klasse die (Schul-)Welt genauso sieht wie ein Prüfling, der gerade im Abiturstress steckt? Oder ein Lehrer die gleichen Freuden und Probleme hat wie eine Angestellte an der Essensausgabe? Unsere Schule steckt voll verschiedener Perspektiven, die erst gemeinsam ein Gesamtbild ergeben. Das muss nicht immer in harmonischen Farbtönen gemalt sein, aber es setzt sich zusammen aus vielen Pinselstrichen.

Das einzige, was schade wäre: Wenn die Leinwand weiß bliebe. Dass wir glauben, dass es vor lauter Alltag nichts zu sagen gäbe. Weil das Leben ja nur aus Wiederholungen, so viel Alltag, besteht. Denn dann bliebe der Platz leer, an den man sich einbringen und andere teilhaben lassen kann oder es entstünden Texte, die so aussehen wie die, welche ich anfangs aus meinem Tagebuch zitiert habe. Eines ist mir inzwischen nämlich deutlich geworden: In meinen damals so mühsam und sorgfältig festgehaltenen Erlebnissen meiner Kindheit fehlte etwas. Es waren die Eindrücke, die Gefühle, die Kommentare zu dem, was ich Tag für Tag mitbekam, woran ich mich freute, was mich ärgerte. Die Ereignisse – damals oder heute- mögen sich zwar wiederholen, die Sichtweise auf sie, die im Kommentieren erscheint, ist aber einzigartig, so einzigartig wie die Wolkenformationen am heutigen Abendhimmel.

So wünsche ich mir also viele Perspektiven, viele besondere Beobachtungen, viele Verständnismöglichkeiten für unseren Blog. Und lade euch alle ein, an unserem Blog mitzuschreiben. Und noch einmal: Worüber zu schreiben ist, findet sich. Wichtiger ist es, eine eigene Sichtweise zu zeigen – und die hat nun sowieso jeder. In der nächsten Zeit werden wir noch einmal Werbung dafür machen – dann sprecht uns, mich an – ihr seid herzlich willkommen beim gemeinsamen Tagebuchschreiben, äh, Bloggen.

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Kommentare
  1. clara sagt:

    Ihr könnt uns auch gerne ganz anonym unter angekreuzt@freenet.de kontaktieren 🙂

  2. G. Bieneck sagt:

    Entweder Mitglieder der Chefredaktion: Clara Gerhardt oder Frida Stein, oder mich selbst – Herrn Bieneck.

  3. Milla sagt:

    „– dann sprecht uns, mich an –“ wer ist mich?

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