Feuer und Flamme für Dynamo

Veröffentlicht: 14. November 2011 von angekreuzt in Allgemein, Freizeit, Kritik, Welt

Stefan Kawik@Pixelio.de

„Unparteiisch. Objektiv. Und gegen Dynamo.
Ihr deutsches Fernsehen.“
(Zentralorgan, Fanzeitschrift Ultras)

‚Karneval im Gästeblock’‚
`Gewolltes Kontrastprogramm zu Hopps Eventpublikum‘
(Spiel Hoffenheim-Köln)

‚Zündelfreunde bereichern die Ostalb‘

(Spiel Heidenheim-Gladbach)

‚Unbelehrbare Chaoten aus Ostdeutschland‘
(Spiel Borussia Dortmund- Dynamo Dresden)

So wurden in den vergangenen Wochen die Ereignisse des DFB-Pokalabends in der deutschen Medienlandschaft dargestellt. Auf der einen Seite die brutalen ostdeutschen Hooligans, auf der anderen liebe Zündelfreunde.

Was war geschehen? Dienstag, 25.10. 2011. DFB-Pokal, Achtelfinalspiel Borussia Dortmund – Dynamo Dresden. Bereits im Vorfeld des Spiels richtete der Dortmunder Polizeichef das Wort an diverse Zeitungen: “Es wird auf jeden Fall Randale geben. Es besteht genügend gewaltbereites Fanpotenzial.“ Umso mehr verwundert die lasche Stellung der Polizei vor Ort, wenn man solch schwierige Situationen erwartet. Ein Fanmarsch von ca. 4.500 Dynamos wälzte sich zum Dortmunder Signal-Iduna Park. Schon während dieses Fanmarsches gab es bedauerliche Zwischenfälle, bei denen u. a. auch Knaller und Bengalos gezündet wurden, was die Kontrolleure am Stadion zu verstärkter Aufmerksa

mkeit hätte zwingen sollen. Die Kontrollen wurden jedoch völlig unprofessionell durchgeführt. Die angespannte Situation wurde durch Pannen beim Einlass ins Stadion verstärkt, als der Veranstalter nur noch wenige Tore offen ließ und die Gästefans dachten, dass sie nicht einmal rechtzeitig zum Spielbeginn dabei sein können. Aus dieser Situation wurde im Nachhinein durch die Presse ein gewaltsamer Versuch der „Stadionerstürmung“ durch „Dynamo-Hooligans“ gemacht. Als die Mannschaften einlaufen, passiert natürlich das, was alle ‚befürchtet‘ haben: Eine große Pyroshow wird geboten.

Um die Hintergründe dafür nachvollziehen zu können, muss man die von vielen Ultra-Gruppen unterstützte Kampagne ‚Pyrotechnik legalisieren- Emotionen respektieren!‘ zur Legalisierung von Bengalos kennen. Ultras sind organisierte Fangruppen von Fußballvereinen, die Choreografien basteln, Stimmung machen etc., von denen die Stimmung im Stadion lebt. Die Kampagne hat aber klare Richtlinien: Pyrotechnik wird nicht in den Stadioninnenraum entsorgt, Böller gehören nicht ins Stadion, genauso wie Blitzknaller und Raketen. Das einzige Anliegen ist, die rot leuchtenden Bengalos zu legalisieren, denn diese verursachen eine ungemein gute Stimmung: Im Dunkeln wird das Stadion in purpurrotes Licht gehüllt, die Liebe zur Mannschaft und der Wille zum Sieg bündeln sich emotionsgeladen und verursachen bei allen Stadionbesuchern einfach Gänsehautstimmung …

Nun gab es vor Beginn der neuen Spielzeit eine Vereinbarung der Ultras mit dem Deutschen Fußballbund (kurz DFB), gemeinsam über die Legalisierung von Pyrotechnik zu verhandeln. Dafür hatten sich Ultra-Gruppen deutschlandweit verpflichtet, dass sie an den ersten drei Spieltagen der 1. sowie an den ersten fünf Spieltagen der 2. Bundesliga keine Bengalos zu zünden. Dieses Versprechen konnte leider nicht eingehalten werden, weil es doch neun (!) Chaoten gab (bei ca. zwei Millionen Stadionbesuchern in diesem Zeitraum), die sich wieder hervortun mussten. Die Quote von solchen Chaoten ist zwar verschwindend gering, aber nach den vereinbarten Spieltagen musste der DFB feststellen, dass die Absprache nicht eingehalten worden war. Die Beteiligten an dieser Kampagne, zu denen auch „Ultras Dynamo“ gehören, entschieden als Gegenreaktion völlig frustriert, dass massiv Pyrotechnik eingesetzt werden sollte. Die Folgen: Am 10. Spieltag der

1. Bundesliga brannte es in acht von neun Spielen, weiterhin krachte es in jedem DFB-Pokalspiel der zweiten Runde. Das Erstaunliche und für mich nicht Nachvollziehbare war jedoch, dass die ganze Presse sich mit solcher Wut gerade auf die Dynamofans stürzte und über die anderen Spiele kaum noch eine Meldung folgte. Wobei es z. B. beim Spiel von Eintracht Frankfurt sogar einen Schwerverletzen gab.

Rudolf Harbig Stadion / Steffen Grocholl bzw. Blue-Letter

Zurück in Dortmund. Zum Leidwesen der Ultras werden auch Blitzknaller und Böller geschmissen und deren Überreste in den Stadioninnenraum von Leuten entsorgt, die nach der Berichterstattung der „Ultras Dynamo“ seit Jahren nicht im Stadion waren bzw. noch nie im Block gesehen wurden. D.h., die sich selbst auferlegten Richtlinien wurde von „Fremden“ gebrochen. Auf der Internetseite der Ultras wird vehement Abstand von solchen Taten genommen. Das schadet dem Anliegen der Ultras und dem Image des Vereins genauso.

Was nun folgte, ist naheliegend: Durch ganz Deutschland flutete eine Welle der Empörung: „… die ostdeutschen Hooligans von Dynamo schlagen zu“, „Mütter müssen mit Kindern fliehen“, „Familien verlassen eilig das Stadion“. Eine Hetztirade hob an. Was aber Augenzeugen berichten, klingt ganz anders: Nach dem Spiel ging es rund um das Stadion ruhig zu, Dortmunder und Dresdner bunt gemischt an Bratwurstständen und an den Stadiontoren. Wo die in allen Medien beschriebenen Massenschlägereien stattgefunden haben, ist diesen unbekannt. Während des Spiels aber sprang ein Dynamofan über eine 50cm hohe Abtrennung der Heimfans und wollte einem Provokateur mal die Meinung geigen, was ein großes Polizeiaufgebot ins Stadion marschieren ließ. Mitgebrachte Dynamo-Ordner wurden bei dem Einsatz genauso mit Pfefferspray gewürzt wie Unbeteiligte und tatsächliche Täter.

Des Weiteren wurde im Stadion randaliert. Eine Werbetafel wurde dabei demoliert. Doch Borussia Dortmund erklärte, dass weite Teile des Cateringbereichs, Zäune, Sitzschalen herausgerissen und Sanitäranlagen zerstört seien. Allerdings konnten keine Beweise zu diesen Aussagen vorgelegt werden, außer zu der kaputten Werbebande in Form eines Bildes und zu den herausgerissenen Sitzschalen. Des weiteren folgten während der Übertragung im Fernsehen durch Herrn Wolf-Dieter Poschmann bemerkenswerte Kommentare zu den Dynamofans: „dumme Typen“, „dumpfe Gesichter“. Wen wundert es aber, denn wenn Herr Poschmann einen Robert Lewandowski als „Polen in der Poleposition“ sieht, dann ist es anscheinend mit journalistischer Objektivität und der Wahl der richtigen Worte nicht weit her …

Dies zu den Ereignissen am 25.10. und kurz danach. Doch mir stellen sich Fragen über Fragen. Das Spiel wurde vom DFB als Sicherheitsspiel eingestuft. Das soll heißen, dass Gästefans und Heimfans strikt voneinander getrennt werden müssen, Alkohol dürfte nicht ausgeschenkt werden, beim Einlass sind strenge Kontrollen notwendig und die unterschiedlichen Fans sollten durch unterschiedliche Eingänge ins Stadion geleitet werden. All das wurde nicht getan! Also stellt sich mir eine große Frage: Warum wird Dortmund nicht genauso hart wie Dynamo zur Verantwortung gezogen, da der Verein als Gastgeber für die Sicherheit vor Ort verantwortlich ist?

Am darauf folgenden Wochenende wurde beim Dresdner Heimspiel gegen Karlsruhe (5-1) eine Stellungnahme aller Gremien von Dynamo verlesen. Darin distanziert sich der Verein von Pyrotechnik, solange sie menschengefährdend und unerlaubt eingesetzt wird, sowie von Böllern, Kanonenschlägen und Blitzknallern. Aber es wird auch die einseitige, ja falsche, Berichterstattung des ZDF kritisiert und man wünscht sich in Zukunft eine neutrale Analyse solcher Vorfälle und nicht Medienhetze im ganzen Land. Bedauerlicherweise wurde im ZDF darüber nicht berichtet.

Als eine Selbstbestrafung verzichtet der Verein beim Auswärtsspiel bei St. Pauli auf seine eigenen Gästefans, um die DFB-Strafe abzumildern. Eine kleine Anekdote am Rand: Beim Auswärtsspiel in Düsseldorf (2-1) warf wieder ein Chaot einen Böller. Er kommt aus Pirna und lebt in Frankfurt am Main (null Kontakt zu Dynamo). Er wurde von einigen Fans den vor dem Gästeblock wartenden Ordnern übergeben bzw. wurde aus dem Block rausgeschmissen und landete buchstäblich in den offenen Armen der Ordner. Soviel zu fehlender Selbstkontrolle … Aber nun wieder zur Bestrafung durch den DFB zurück. Der DFB hat ganz andere Sachen geplant. Der Kontrollausschuss schlug dem DFB-Gericht vor, Dynamo nächste Saison aus dem Pokalwettbewerb auszuschließen. So betrachtet klingt das nicht so schlimm. Wenn man aber weiß, dass Dynamo dieses Jahr 1,5 Millionen Euro Einnahmen durch den Pokal verbuchen konnte, versteht, dass dieser Schritt enorme wirtschaftliche Einbußen für Dynamo Dresden bringen könnte. Anscheinend muss der DFB ein Exempel statuieren. Ausgerechnet an Dynamo. Ein Zufall? Ich sage: Nein. Dynamo ist seit Jahren ein Symbol- und Sympathieträger mit enormer Fanszene (auch in der Zeit, als sie in unterklassigen Ligen spielten) aus Ostdeutschland. Kaum ein anderer ostdeutscher Club erfreut sich solchem bundesweitem Zuspruch. Ob sich die erstklassigen Clubs vor Dynamo fürchten? Nicht doch, liebe Leute: „Sind ja alles dumpfe Typen.“, um mit den Worten Wolf-Dieter Poschmanns zu enden.

Kreuzer

(Ein durchaus kritischer Fan)

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Kommentare
  1. kreuzer sagt:

    Heute hat das DFB-Gericht Dynamo Dresden für die nächste Saison vom DFB-Pokal ausgeschlossen. Damit gehen für den Verein sehr wichtige Einnahmen verloren, die im Nachwuchs und im Profisport benötigt werden. Es besteht die Möglichkeit der Berufung, die innerhalb einer Woche eingereicht werden muss. Ansonsten wird die Strafe gültig. Bei den Verhandlungen hob der Polizeisprecher erneut hervor, dass die Dynamoanhänger versucht hätten das Stadion zu stürmen und als man wegen des großen Andrangs die Stadiontore schloss und erst nach einer Weile wieder öffnete, konnte man nicht mehr sorgfältig genug kontrollieren. Er sagte laut dem Kicker-Bericht kein Wort über eventuelle Fehler in der Vorbereitung auf das Spiel, wie der eigentlich nicht zulässige Ausschank von Alkohol und Fehler konkret an diesem Abend. Nebenbei sollte erwähnt werden, dass Dortmund eine Strafe von 8000 Euro zahlen muss, weil sie zu wenig Sicherheitsmaßnahmen getroffen haben. Eine Stellungnahme des Vereins besteht noch nicht, sowie auch noch keine der Ultras vorhanden ist.

    • tomsa sagt:

      Heute bezeichnete der sky – Kommentator des Spiels Hoffenheim gegen Köln den deutlichen Einsatz von Pyrotechnik als „Freudenfeuer im Kölner Block“…. Was soll man dazu noch sagen??? Die einseitige Berichterstattung ist also kein Privileg des ZDF.

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