Respekt!

Veröffentlicht: 19. Juni 2012 von angekreuzt in Allgemein

Jedes Jahr schreibt das Magazin „Der Spiegel“ einen bundesweiten Schülerzeitungswettbewerb aus, an dem unsere Schülerzeitung „kreuz & quer“ nun zum zweiten Mal teilgenommen hat. Leider haben wir es nicht geschafft, mit unserem Gesamtkonzept, Heftinhalt und Layout, unsere Konkurrenten von ca. 280 anderen Schülerzeitungen hinter uns zu lassen. Dafür aber freuen wir uns umso mehr, dass es Alma Uhlmann (Klasse 9) gelungen ist, mit ihrer Reportage über die andere Seite von Dresden – „Ein Tag wie jeder andere“-  einen beachtlichen 6. Platz zu erreichen. Herzlichen Glückwunsch! Und schaut doch noch mal rein in unsere letzte Ausgabe!

Ein Tag wie jeder andere – Dresdens zwei Gesichter

Dresden ist eine wunderschöne Stadt. Hier gibt es einige der schönsten Barockbauten Deutschlands, die jedes Jahr Millionen Besucher anziehen. Als „Elbflorenz“ ist Dresden weithin bekannt. Die schönste Zeit in Dresden ist der Advent, wenn die vielen kleinen Weihnachtsmärkte Weihnachtsseligkeit versprechen, und natürlich der Sommer. Dann sind die Elbwiesen saftig grün und der Himmel von einem tiefen, reinen, strahlenden Blau. Am Wochenende können wir verschiedensten Kultureinrichtungen einen Besuch abstatten. Museen, Theater, exklusive Veranstaltungen. Knorrige Bäume bilden Alleen. Schöne Parks findet man über das ganze Stadtgebiet verteilt. Abends schlendern wir durch atmosphärische Villenviertel und schauen in stuckverzierte Zimmer. Glückliche Familien sitzen am Abendbrottisch. Musik liegt in der Luft. *Doch eine Stadt hat immer zwei Gesichter. Jedes Haus und jede Straße, jeder Baum in Dresden sammelt Geschichten. Heute habe ich mich aufgemacht, um einige Geschichten des zweiten Gesichts unserer Stadt freizulegen. Zurück komme ich mit einem Blick hinter die Fassaden des allseits bekannten, glitzernden Elbflorenz.
Vormittags im Bus. Zwei Frauen sitzen mir gegenüber. Die eine erzählt der anderen, dass ihr Sohn gestern Abend nach einem Metal-Konzert in der Neustadt brutal von zwei Neo-Nazis zusammengeschlagen wurde. Er hat sich eingemischt, als die vier schwarz vermummten Gestalten einen Kleinkrieg unter sich begonnen haben. Er wollte als Außenstehender schlichten und landete am Ende im Krankenhaus. „Da fahr‘ ich jetzt hin.“, sagt sie bestimmt. „Ich muss doch gucken, was sie mit ihm gemacht haben. Es sollte anders herum sein, findest du nicht? Wir sollten sie verkloppen, nicht sie uns. Diese Nazi-Schweine.“ Ich runzle die Stirn. Na, das fängt ja gut an. Nach kurzem Überlegen nickt die Freundin überzeugt. Hinter den Busfenstern werden die Gebäude immer grauer. An der nächsten Haltestelle steige ich aus. Ich wappne mich innerlich gegen das, was an diesem Tag auf mich zukommen mag.
Zwei Schüler sitzen an der Bushaltestelle in der Nähe des Krankenhauses St. Joseph-Stift, jeder auf einem Kasten Bier. Sie prosten sich fröhlich zu und grölen schief ein herbes Trinklied. Ein schönes Mittagsmahl. Ein grauhaariger Herr in schwarzem Mantel beobachtet sie abfällig. Beide Jungs sind nicht mehr als fünfzehn Jahre alt.
Ich laufe ein wenig weiter. Bald bin ich mitten in einem Dschungel aus hohen Plattenbauten. Sie strecken sich wie graue, mahnende Finger in den wolkenverhangenen Himmel. Eine Fläche mit Gestrüpp wächst unbeachtet vor sich hin. Bierflaschen, Glasscherben und Plastikmüll liegen darunter verstreut. Ein Windstoß fegt durch die einsame Straße. Die Kälte schüttelt mich, ich mache auch den obersten Mantelknopf zu. Vertrocknete Blätter fliegen durch die Luft. Ein winselnder Hund läuft über die Straße.
Gleich um die Ecke blinkt verlockend das grüne Freiberger-Schild eines Bistros. Darunter befindet sich eine klapprige braune Tür, rechts davon ein großes Panoramafenster. Wozu? frage ich mich. Etwas Schönes gibt es hier sicher nur selten zu beobachten. Auf einem Schild im Eingangsbereich steht Kotelett mit Erbsen und Kartoffeln: 3,-€. Der Geruch von schlechter Fritteuse liegt in der Luft. In dem Bistro sitzen drei Männer, jeder mit einer Flasche Bier vor sich. Sonst ist keiner der braunen Metallstühle besetzt. Auch hinter der schlichten Holztheke ist niemand zu sehen. Die spärlich aufgehangenen bunten Luftschlangen wirken seltsam fehl am Platz. Manchmal machen die Männer den Mund auf, um ein paar Worte zu wechseln. Sie sehen einsam aus, obwohl sie zu dritt sind.
Meine Rettung aus der Geisterstadt ist die knallgelbe Straßenbahn. Doch es ist rappelvoll. Hier will niemand aussteigen. Man steht beengt und sucht nach einem Griff zum Festhalten. Einen Meter weiter spricht eine junge Frau mit Krücken und einem Gipsverband einen kräftigen Kerl an. Ob sie sich auf seinen Platz setzen könne. Er sieht auf und zieht sich widerwillig die Kopfhörer aus den Ohren. „Was?“ Leute drehen sich um und schauen. Sie wiederholt ihre Frage. Er mustert sie von oben bis unten und steht endlich auf. Als sie „Dankeschön“ raunt, schaut er gleichgültig aus dem Fenster.
Am Lennéplatz ist der Anblick der Grundstücke ähnlich. Graue Betonplatten auf dem Boden, an den Häusern, an den leeren Blumenkästen. Mittlerweile sind viele Platten braun angelaufen. Ein unglaublicher Anblick von Verfall und Überleben. Und in diesen Gebäuden wohnen Menschen? Eine alte Frau steht, beladen mit schweren Einkaufstüten, an der Eingangstür. Sie will die Tür aufschließen, doch ihre Hand zittert zu sehr. Zielstrebig gehe ich auf sie zu. „Hallo! Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ Ich lächle sie an. Sie dreht langsam ihren Kopf. Müde Augen starren mich ausdruckslos an. Einen Moment scheint sie zu überlegen. „Ich … Ja, also …“ Ihre Stimme ist matt und brüchig. Als Erklärung hält sie mir den Schlüssel entgegen. Ich schließe auf, halte ihr die Tür auf und frage, ob ich noch etwas für sie tun kann. Ich zeige auf die Einkaufstüten. Sie hat die Sprache wiedergefunden. „Nein. Das schaffe ich schon. Ich wohne gleich im Erdgeschoss.“ Es riecht nach altem Linoleum. Der Putz an der Wand bröckelt. Ich schaue ihr hinterher, wie sie langsam von der Dunkelheit im Gang verschluckt wird. Plötzlich dreht sie sich um und blickt zurück. „Dankeschön.“ Sie lächelt ein wenig. Ihre Augen lächeln mit. Sie sind blau, wie mir in dem Moment auffällt. Im Gehen sehe ich noch einmal die grauen Betonwände hinauf. Dort, am Balkon ganz oben links, leuchten ein paar gelbe und rote Blumen.
Als ich am Hauptbahnhof ankomme, hat es angefangen zu regnen. Die vielen Menschen drängen sich unter einen viel zu kleinen Dachvorsprung. Keiner sieht den anderen an, sie schauen zu Boden, die Kapuzen auf dem Kopf. Anonym. Große Städte sind immer anonym. Sie ziehen Menschen an, die anonym sein wollen. Einer unter Vielen. Ich beobachte sie eine Weile und spüre plötzlich einen schweren Brocken Wut in meinem Bauch. Was wisst ihr denn schon?! Ihr seht nicht auf, weil ihr nicht sehen wollt, was ihr sehen würdet. Tut doch was! will ich sie anschreien, sie wachrütteln. Ihr könnt nicht leugnen, wie hässlich diese Stadt ist! Ich schüttle den Kopf und mache auf den Fersen kehrt. Ich laufe die Prager Straße hinunter, doch heute fühle ich keinen Kaufrausch. Manche Menschen würden in meiner Gefühlslage ihnen Nahestehende verprügeln. Oder ihre Wut und Hoffnungslosigkeit in Alkohol ertränken. Was für ein schönes Leben wir doch führen! Wir können Frustshoppen gehen.Langsam ist es Nacht geworden und es hat aufgehört zu regnen. Die Beleuchtung der Läden an der Bergmannstraße ist aus, nur ein paar Straßenlaternen spenden fahles Licht.
Aus dem Dunkel einer Häuserecke kommt eine gebückte Gestalt. Bart, Mütze und Schlabberjeans. Mit Blick nach unten läuft sie auf dem Gehweg entlang, immer nahe an den Hauswänden. Er ist nur einer der vielen Obdachlosen, die nach einem halbwegs geschützten Schlafplatz suchen. Am nächsten Mülleimer stoppt er und wühlt nach Pfandflaschen. Kein Erfolg diesmal. Er zieht weiter. Immer auf der Suche.
Am Schillerplatz stehen auch um diese Zeit noch viele Menschen. Auf einmal löst sich eine schwarz gekleidete Gestalt aus der Menge. Er torkelt auf ein Mädchen zu, das etwas abseits steht und in ein Buch versunken ist. Er stellt sich direkt vor sie. Sie schaut auf. Mit weit ausladender Geste beginnt er grölend zu erzählen. „Libyen ist frei. Unser Land ist endlich frei. Du musst verstehen, wir lieben unser Land.“ Seine Stimme wird immer lauter. „Jetzt ist er weg. Endlich. Ich bin stolz auf mein Land. Wir haben ihn gehasst. Gaddafi.“ Die Erkenntnis, dass der Diktator umgebracht worden ist, kommt ja reichlich spät, denkt das Mädchen. Sie mustert ihn mit zusammengekniffenen Augen. Er trägt zwar eine Sonnenbrille, aber sie kann trotzdem erkennen, dass er Gaddafi wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Krause schwarze Haare, eine breite Nase und kurzer Bart. Dazu ein eisiger Blick. Verblüffend. Er kommt ihr immer näher, bis ihre Nasenspitzen nur noch Zentimeter voneinander entfernt sind. Die Stimmung ändert sich. Sie kann seine blutunterlaufenen Augen durch die Sonnenbrille erkennen. „Warum sagst du nichts? Sag doch mal was!“ Er lacht. Die schwarzen Gestalten um sie herum stehen reglos da. Wie Statisten, die wissen, dass sie gerade nichts mit der Handlung zu tun haben. Oder zu tun haben wollen. Sie schauen angestrengt zu Boden oder in eine andere Richtung. Würden sie auch nicht reagieren, wenn er sie anfasste? „Könnten Sie mich bitte in Ruhe lassen.“ Ihre Stimme klang schärfer als erwartet. Eine kalte, leise Stimme, die nicht das kleinste bisschen zitterte. Er war für einen Moment sprachlos. „Lassen Sie mich in Ruhe!“ Er lachte noch einmal hämisch, stolperte dann aber planlos in den nächsten Bus. Er war weg. Sie war allein. Wie lange hat das gedauert? Ihr Herz raste. Sie spürte, wie die zwanzig Augenpaare der tatenlosen Beobachter auf ihr ruhten. Als sie aufsah, wandten sie ihre Blicke ab.
Ich reiße meinen Blick von der Szene los und schaue in den sternenklaren Himmel. Ich denke nach, über das, was ich heute gesehen habe. Obwohl ich all diese hässlichen Bilder in meinem Kopf habe, muss ich mir eingestehen, dass ich sie nicht richtig glauben kann. Nicht glauben will. Warum halte ich so verkrampft an dem Bild von einem Dresden ohne vergessene Menschen und zerfledderten Plattenbauten fest? Die Antwort klingt einfach, fällt aber schwer: Weil ich mein „Elbflorenz“ bereits gefunden habe. Und viele andere mit mir. Deshalb verdrängen wir.
In sieben Stunden geht die Sonne über den Elbhängen auf. Der Himmel wird wolkenlos sein. Er wird von schwarz zu grau, zu weiß, zum tiefen, reinen, strahlenden Blau. Dann beginnt ein neuer Tag in Dresden.

Einer wunderschönen Stadt.

Alma Uhlmann
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Kommentare
  1. angekreuzt sagt:

    Du hast recht. Ist damit geändert. 😀

  2. clara sagt:

    herzlichen glückwünsch! 🙂
    können wir trotzdem noch das wörtchen „klasse“ vor die 9 einfügen, sonst sieht das aus wie das alter.. 😉

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