Exkursion des Philosophiekurses in die philosophische Lernwerkstatt „Sophia“

Veröffentlicht: 10. November 2012 von Admin in Allgemein, Eingefangen, Kulturtipp

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ein spannender Ort scheint Pommritz nicht zu sein. Nicht wirklich. 

Als wir, der Philosophiekurs der elften Klasse, das winzige Dörfchen im Südosten von Bautzen erreichen, erwarten uns Felder, ein paar Häuser, ein Ortsschild, das war’s. Ja, Pommritz scheint im Juli 2012 ein trister Ort zu sein, an dem die Zeit etwas langsamer verläuft und der Zug nicht besonders oft hält.

Doch Pommritz verbirgt etwas. Denn hier ist in den letzten zwanzig Jahren etwas Besonderes entstanden, das irgendwie gar nicht provinziell und festgefahren wirkt, sondern im Gegenteil sehr liberal und äußerst offen. Das Projekt, von dem ich spreche, heißt ‚LebensGut’ (der Name rührt daher, dass sich das Projekt größtenteils auf einem Gutsgelände abspielt) und nennt sich selbst ‚sozialökologisch’. Die Menschen, die in dem Projekt leben, bilden eine Gemeinschaft von verschiedenen Gruppen und wohnen im Gutshof und in umliegenden Pommritzer Häusern. Es gibt dabei keine vorgegebene Form des Zusammenlebens und so hausen hier Familien, Alleinlebende und Wohngemeinschaften.

Wer sind diese Menschen? Sie alle verbindet die Vision, ihr inneres Gleichgewicht zu finden, Liebe, Glück und Frieden zu verspüren, und dies stets im Einklang mit Natur und Umwelt. Sie machen sich Gedanken über neue Formen von Arbeit, Ernährung und menschlichen Beziehungen und erforschen diese experimentell.

Das wichtigste ist ihnen aber die eigene Veränderung, also die innere Arbeit des Menschen. Dazu zählt auch die philosophische Selbsterkenntnis, weswegen man im Gutshof eine aufwendig hergerichtete philosophische Lernwerkstatt namens „Sophia“ vorfindet- unser heutiges Ziel. Wer des Griechischen mächtig ist, weiß, dass „sophia“ Weisheit bedeutet- ein Ziel, das zu erlangen schon viele, viele kluge Philosophen versuchten, die hier vorgestellt werden. Deren nicht immer einfach nachvollziehbare Gedanken werden durch detailreiche Modelle anschaulich gemacht.

Ein Rahmen wird unserem Besuch vom Fertiger der Holzmodelle, Ulrich Schollmeyer (ein Mann von Charakter, der uns im Renaissance-Gewand empfängt), gegeben. Er führt uns durch die Ausstellung, welche, und das macht sie so besonders, vor allem ein Erlebnis für die Sinne ist. Einen Höhepunkt bildet das Erkunden der Umgebung mit sogenannten Umkehrbrillen auf dem Kopf, welche die visuelle Wahrnehmung eines jeden buchstäblich auf den Kopf stellen. Durch das verdrehte Bild im Kopf kann es passieren, dass der Gleichgewichtssinn des einen oder anderen mächtig ins Straucheln gerät. Nach der Übung gibt uns Herr Schollmeyer ein paar Denkanstöße zu dem Erlebten: Der Mensch nehme das Bild, das sich ihm durch die Umkehrbrille auftut, als unwahr dar. Man wisse schließlich, dass der Himmel oben und der Boden unten ist. An diesem Punkt stellt sich Schollmeyer einen Menschen vor, der jene Brille über einen längeren Zeitraum aufbehält, mehrere Wochen oder sogar Monate. Wäre es nicht anzunehmen, dass er sich dann an die umgekehrte Welt gewöhnt, würde er sie nicht als normal empfinden und somit als ‚wahr’? Träfe er nun einen Erdenbürger ohne Umkehrbrille, würden die beiden sich vermutlich über die Wirklichkeit streiten. Wer hätte Recht? Das Unlösbare an dieser Frage liegt darin, dass beide Positionen sich nur auf Sinneserfahrung begründen. Der Empirismus als eine der philosophischen Grundrichtungen vertrat die Auffassung, dass die Ansicht der Wirklichkeit ein Produkt von Eindrücken und Erfahrungen ist. Betrachtet man das Gedankenexperiment empiristisch, hätten also im Grunde beide Individuen Recht – auch wenn das rational schwer nachvollziehbar ist (aber den Rationalismus gibt es schließlich auch noch).

Die größte Aufmerksamkeit in dem Ausstellungsraum erweckt wohl das hohle, hölzerne Ei, das sich, auf seiner Querseite liegend, mitten im Raum befindet. Auch dieses hat Ulrich Schollmeyer selber gebaut, was angesichts seiner Größe und Form eine wahre Leistung ist. Die Intention, die hinter der Konstruktion des Eis steckt, steht der des ebenfalls in der Lernwerkstatt auffindbaren Spiegelkabinetts insofern entgegen, dass damit nicht die ‚Vielheit’ der Welt mit immer wieder neuen Aufsplitterungen betont werden soll, sondern die ‚Einheit’ des Universums. Denn sobald man in dem Ei sitzt, ist man von der Außenwelt wie abgeschnitten und kann sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Für diese Art Meditation hat Herr Schollmeyer eine bunte Lichtprojektion vorbereitet, die an der Decke des Eis ihre volle Wirkung entfaltet. Nach diesem Spektakel für die Augen sollen wir nun noch mit unseren Ohren in andere Sphären abtauchen. Dafür setzen sich zwei Personen gegenüber und beginnen Töne zu produzieren. Wenn beide Teilnehmenden sich nun in einem optimalen Abstand zu der Raumwand befinden, werden die Töne so übertragen, dass man glaubt die Stimme des Gegenübers im eigenen Kopf zu hören. Dies löst nicht nur ein interessantes Hörerlebnis aus, sondern auch eine außergewöhnliche Erfahrung des Fühlens. Es entsteht so etwas wie eine unsichtbare Verbindung zwischen den beiden Personen, und wenn die von ihnen produzierten Töne nun noch zueinander passen, sogar eine Harmonie.

Es sind Momente wie diese, die Ulrich Schollmeyer und die Bewohner des LebensGutes begeistern, und ihr Enthusiasmus ist verständlich; schließlich bietet ein Ort wie das LebensGut in Pommritz einen Gegenpol zur städtischen Hektik und Schnelllebigkeit. In die verschlägt es uns nach ein paar Stunden wieder zurück, doch Pommritz ist und bleibt ein Ort, der Gestalt für uns angenommen hat und aus dem jeder etwas mit nach Hause nimmt.Die Ausstellung eignet sich nicht nur für Philosophie- oder Ethikkurse, sondern für alle, die sich fragen, was die Welt im Innersten eigentlich zusammenhält.

 

Leonie Brovot (11)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s